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Marge Piercy: Er, Sie und Es. Deutsch von Heidi Zerning. Argument: Hamburg, 1993. 510 Seiten.

Wie für alle Buchbesprechungen gilt auch hier: absolute Spoilerwarnung!

 

 

Marge Piercy widmet den Roman Primo Levi:
Dem Andenken von Primo Levi.
Seine Bücher waren wichtig für mich.
Ich vermisse seine Anwesenheit in der Welt.
 
Der Roman selbst entwirft eine postapokalyptische Welt. Ein weltweiter Atomkrieg hat die schützende Atomschicht komplett zerstört und die Menschen leben unter künstlichen Schutzkuppeln, damit sie unter der sengenden Sonne nicht verbrennen. All das in der Mitte des 21. Jahrhunderts, also gar nicht so weit von unserer Zeit entfernt. Der Roman ist 1993 erschienen. Es ist keine Utopie, die einen Wunschort, eine Vision einer besseren Welt zeichnet. Im Gegenteil. Klassengegensätze haben sich verschärft, Konzerne haben die politische Herrschaft explizit übernommen. Es gibt keine Staaten mehr, dafür haben sich einige „Multis“, riesige Konzerne, die Welt untereinander aufgeteilt. MitarbeiterInnen (trans*-Personen scheint es dort nicht zu geben) höheren Ranges leben in Konzernenklaven, in denen das komplette persönliche und gesellschaftliche Leben nach den Regeln abläuft, die der Konzern setzt. Die meisten anderen leben in „Glops“,  wo Armut, Kriminalität und Ressourcenmangel herrscht. Wo sich aber auch Widerstand formiert. Nur wenige Orte sind frei von der direkten Herrschaft der Konzerne: Freie Städte, die ihr eigenes Schutzschild haben und sich nur dadurch vor den Konzernen schützen können, dass ihre Produkte für jeden dieser Konzerne unentbehrlich sind. So schützt jeder Konzern sie vor dem Zugriff durch die anderen. Es ist ein Drahtseilakt, und ein Leben in ständiger Ungewissheit. Die gesamte Welt ist natürlich hochteschnisiert und alle sind verbunden durch das „Netz“, in das eins sich mit Hilfe einer am Kopf befindlichen Art Steckdose hineinbegeben kann. Die Mutter der Protagonistin, Riva, ist eine „Informationspiratin“, die zeitgenössische Form einer Hackerin, und befreit Informationen aus den Multis, um sie an freie Städte und in die Glops weiter zu geben. Was ziemlich cool und sehr gefährlich ist. So ungefähr ist die Welt strukturiert, die Piercy hier entwirft — und erst spät erfährt die_der Leser_in, dass es noch einen weiteren, einen geheimen Ort gibt: eine Gesellschaft von palästinensischen und jüdischen Frauen im so genannten Nahen Osten, der auf den offiziellen Landkarten nur als schwarzer Fleck gekennzeichnet ist, weil er eigentlich im Krieg komplett zerstört wurde (Ölfelder…Feuer…Atomkrieg…). Die Frauen* dort können nur überleben, weil sie schon an der Eizelle genetische Manipulationen vornehmen und ihre Körper mit Hilfe von Cyborg-Technik beständig verbessern, so dass sie an der verseuchten Luft und der Sonne nicht zugrunde gehen.

Unsere Protagonistin, Shira, stammt aus der freien, jüdischen Stadt Tikva (hebr.: „Hoffnung“) und arbeitet für den Multi Yakamura-Stichen („Y-S“). Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, wieso sie jemals aus ihrer Heimatstadt wegging, denn im Vergleich zum Konzernleben erscheint Tikva trotz der ständigen Bedrohung wie ein Paradies. In Tikva gibt es echte Tiere, echtes Gemüse, Bäume, in der Nähe das Meer, in dem eins mit einer Fettschutzschicht sogar schwimmen kann (allerdings gefährlich wegen Organhändlern, die dort auf Jagd gehen…). Bei Y-S sehen die Menschen desto gleicher aus, je reicher sie sind, weil sie sich per OP an die Konzernschönheitsnorm anpassen. Das gesamte Leben scheint mechanisch/mechanisiert. Es ist erwünscht, dass höhergestellte MitarbeiterInnen heterosexuell heiraten. Das Austragen eines Kindes hingegen ist verpönt und gilt als archaisch. Das ist in Tikva alles anders. Zwar scheint auch hier eine Heterosexualitätsnorm in den Köpfen einiger BürgerInnen vorhanden zu sein, doch wird die direkt mal von Malkah, Shiras Großmutter, zerschossen (zu der großartigen Malkah später mehr). Aber vor allem gibt es in Tikva eine politische Selbstorganisation in Form eines Rats, in dem jedeR StadtbewohnerIn mitreden kann und alles! immer! so lange diskutiert wird, bis es einen Konsens gibt. Über Tikvas Ökonomie wird relativ wenig gesagt, nur dass die Stadt mit allen Multis Handel betreibt (wie gesagt: überlebenswichtig!), und dass die meisten Menschen in ihren Gärten und/oder in städtischen Gärten Gemüse anbauen und Tiere halten. Menschen, die Arbeit für die Stadt leisten, werden bezahlt, also scheint es (leider) eine Geldwirtschaft zu geben. Schade, denn es hätte sehr gut zu dieser kleinen Stadt gepasst, sie kommunistisch zu machen.

Grundthema des Romans ist eigentlich die Frage nach der Menschlichkeit. Ab wann ist eins ein Mensch, eine Person? Dazu erzählt Marge Piercy sehr geschickt zwei parallele Geschichten: 1. Die Geschichte von Jod, einem Cyborg, den ein Wissenschaftler in Tikva illegal erschaffen hat und 2. die Geschichte des 1580 von Rabbi Juda(h) Löw in Prag erschaffenen Golem Joseph.

Malkah ist es, die für die Programmierung Jods als ein selbstkorrigierendes (und damit lernfähiges und sozialisierbares) System mit dem Bedürfnis nach engen, zärtlichen Bindungen verantwortlich ist. Sie ist es auch, die Jod die Geschichte von Joseph erzählt. Beide sind geschaffen worden, um eine Gemeinschaft zu schützen. Beide stecken tief in dem Widerspruch zwischen ihren persönlichen Wünschen und Bedürfnissen und ihrer unentrinnbaren Aufgabe fest.

Soviel zum Aufbau des Romans.

Das Femtopische an diesem Roman ist nicht so sehr der Entwurf einer Gesellschaft, die irgendwie annähernd herrschaftsfrei wäre, soviel dürfte deutlich geworden sein. Ich habe es trotzdem geliebt, ihn zu lesen und würde ihn euch unbedingt empfehlen. Warum? Wegen seiner Figuren. In jedem Erzählstrang, in jedem Setting, an jedem Ort und in jeder Zeit, die dieser Roman anreißt, gibt es mindestens eine, oft aber mehrere, wunderbare, starke, verletzliche, kritische, überraschende (weibliche*) Figur. Zu der einen oder der anderen werde ich demnächst noch mal gesondert was sagen.

 

Einige (wenige) Lieblingszitate:

„Der Sommer als wir beide 19 Jahre alt waren.“ Er seufzte. „Du warst so schön damals.“

„Jetzt bin ich genau so schön.“ Malkah streckte ihm die Zunge raus. „Deine Augen und dein Sexualtrieb haben gelitten, nicht meine Schönheit.“

 

Jod: „Ich habe keine Maßstäbe, nach denen ich die menschliche Erscheinungsform beurteilen kann. Dafür wurde ich nicht programmiert. Ich mag, wie du aussiehst, aber ich mag auch, wie Malkah aussieht. Ich finde die meisten Menschen interessant zu beobachten.“ […] Shira: „Aber du siehst mich oft an, wenn wir zusammen sind. Warum?“ „Ich sehe dich gern an. Aus kleinen Veränderungen in Haltung und Bewegung und Ausdruck versuche ich, deine Gefühle und deine Reaktionen zu lesen. Ich finde es… angenehm, dich anzuschauen, weil du Shira bist, meine Shira.“

 

Es gibt noch viel mehr, aber leider habe ich die Stellen beim Lesen nicht markiert. Ein noch größeres Leider: Selbst bei booklooker gibt es kaum noch Exemplare und die, die es gibt, sind nicht gerade günstig.

Hier noch ein sehr spannender Beitrag zum 70. Geburtstag von Marge Piercy, die eine kick-ass-Person zu sein scheint: KLICK

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