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Über „die Gefahren einer Utopie, Weltflucht zu bieten und von Problemen abzulenken“, wie in einem Leser(_innen?)-Kommentar bei canisayno so schön steht.

Ja, nee.

Utopien lenken nicht von Problemen ab –> sie testen Lösungen aus.

Sie bieten auch keine Weltflucht –> sondern beschäftigen sich mit besseren Versionen der Welt.

Dass die Regeln, nach denen die Welt/die Gesellschaft, in der wir leben, funktioniert, ohne unsere Zustimmung, ohne unser Zutun gemacht wurden, ist ziemlich klar, oder?

Auszug Regelkatalog des „demokratischen Kapitalismus„:
Welche_r Geld will, muss halt lohnarbeiten. Welche nicht belästigt werden will, muss eben eine Vielzahl sich widersprechender Regeln einhalten (oder so, merkt ihr selber, dass das nicht geht). Welche_r gerechten Lohn für alle(TM) will, muss halt moralisch konsumieren (HA. HA.). Und welche_r da nicht reinpasst, muss sich eben anpassen. Man kann ja alles erreichen, ne, im Kapitalismus sind ja alle gleich(TM)!
Also, ich hab das nicht entschieden, und dem auch nicht zugestimmt, dass das alles so sein soll. Ihr vielleicht?

Dass diese Regeln menschengemacht und damit veränderbar sind, ist nicht so eindeutig.  Das System von Ausbeutung und Unterdrückung, white supremacy und Patriarchat besteht schon so lange, dass es den meisten als naturgegebene(TM) Ordnung der Dinge erscheint.

Im Politikunterricht habe ich gelernt, dass die „soziale Marktwirtschaft“ (Euphemismus für: staatlich (teil-)regulierter Kapitalismus) das „am wenigsten schlechte“ aller Wirtschaftssysteme sei. Was heißt das? Das System ist scheiße, aber wir haben kein besseres. Wir KÖNNEN UNS KEIN BESSERES VORSTELLEN.

Die Utopie eröffnet Vorstellungsräume.

Der Imagination einer anderen, besseren Welt liegt eine tiefgreifende Kritik der realen Zustände zu Grunde. Und eine Hoffnung darauf, dass es andere Zustände zumindest geben _könnte_.

Hallo, sagt die Utopie, es geht auch anders, übrigens. Und legt ihren Finger ganz genau, ganz präzise in Wunden. Eine gute Utopie tauscht nicht einfach ein paar Zahnräder in der Gesellschaftsmaschine aus – sie baut ein ganz neues Ding! Und in der Bauweise dieser anderen, dieser zwar-nur-imaginären-aber-offensichtlich-vorstellbaren Welt offenbart sie Schieflagen, Interessenskonflikte und Schmerz, die die reale Gesellschaftsmaschine produziert.

Manches kann ich erst dann anprangern, wenn ich mir vorstellen kann, dass es auch anders ginge. Das ist eine Form der Kritik. Und eine ziemlich konkrete noch dazu.

Und was die „5 Minuten Wohlgefühl“ angeht — also, ich sag zu denen nicht nein.

 

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