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Silvia Federici: „Die Reproduktion der Arbeitskraft im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution.“ In: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Kitchen Politics – queerfeministische Revolution, Bd. 1. Edition Assemblage: Münster 2012, S. 21-86.

In diesem ersten Teil zeichne ich Federicis Analyse der Globalisierung und der weltweiten Organisation von Reproduktionsarbeit nach. Ein Zweiter Teil zu ihren Schlüssen in Bezug auf (feministischen, intersektionalen) Aktivismus/politischen Kampf ist noch in Arbeit.

 

Die Verbundenheit aller Kämpfe

Silvia Federicis Aufsatz war für mich eine Offenbarung. Ausgehend von einer Auseinandersetzung mit Marx macht sie eine historische Analyse, die die Stränge verschiedener historischer und aktueller gesellschaftlicher Kämpfe zusammenführt und ihre Verbundenheit und gegenseitige Bedingtheit aufzeigt. Was ich aus meinen feministischen Kreisen als Forderung schon kenne: „My Feminism Will Be Intersectional Or It Will Be Bullshit“, wird nach Federicis Analyse zur absoluten Notwendigkeit, will eins überhaupt etwas erreichen. Denn das globale kapitalistische System spielt verschiedene politisch-emanzipatorische Bewegungen nur zu gern gegeneinander aus, oder antwortet mit Ausweichbewegungen, die gar nichts lösen. Aber fangen wir von vorne an.

 

Marx

Federici beginnt mit der bekannten feministischen Kritik an der Marxschen Analyse: Marx hat einfach übersehen, dass der Kapitalismus „auf eine ungeheure Menge unbezahlter Hausarbeit […], sowie auf die Abwertung dieser reproduktiven Tätigkeiten zwecks Senkung der Arbeitskosten“ (S. 22) angewiesen ist. Marx nahm an, der Kapitalismus sei ein Fortschritt in dem Sinne, dass er ein Schritt hin zur Möglichkeit der Befreiung sei, weil er den Mangel aus der Welt schaffe. Statt dessen stellt Federici fest, dass der Kapitalismus die Ressourcen der Welt eher aufzehrt, anstatt sie nachhaltig nutzbar zu machen. Außerdem spaltet der Kapitalismus die Arbeiter_innenklasse, und zwar „durch eine ungleiche Arbeitsteilung, durch den Gebrauch des Lohnes […], sowie durch die Institutionalisierung von Sexismus und Rassismus“ (S. 23). Sexismus und Rassismus, so Federici weiter, nützen dem Kapitalismus nämlich insofern, als dass sie die ungleiche Arbeits- und Machtverteilung im Kapitalismus als ’natürlich‘ und ‚gegeben‘ hinstellen — soll heißen: dass Frauen umsonst im Haushalt arbeiten (und dadurch abhängig von Männern sind/werden) ist ’natürlich‘, weil Mutterinstinkt, und dass Schwarze Menschen/PoC härter arbeiten (die Drecksarbeit machen) und zwar für weniger Geld ist auch ’natürlich‘, weil weiße Menschen halt ‚bessere‘ Menschen seien. Die von Marx als das ‚revolutionäre Subjekt‘ erkannte Arbeiter_innenklasse wird so anhand dieser Linien gespalten und geschwächt. Konsequenterweise wurden „die am stärksten antisystemischen Kämpfe des vergangenen Jahrhunderts nicht ausschließlich oder auch nur hauptsächlich von den entlohnten Industriearbeiter_innen geführt […], sondern von ländlichen, indigenen, antikolonialen, anti-Apartheid und feministischen Bewegungen“ (S. 23f.). Die Vorstellung, „die kapitalistische Entwicklung sei in der Lage, die materiellen Bedingungen einer nicht-ausbeuterischen Gesellschaft zu schaffen“ (S. 24) muss also überwunden werden. [1]

 

Staat und Kapital in unseren Schlafzimmern!

Welche Rolle die Hausarbeit im und für den Kapitalismus spielt, lässt sich gut an Federicis Exkurs zu den Zuständen in England zu Marxens Zeiten ablesen. Dort arbeiteten Frauen wie Männer ganztags in den Fabriken. Ganztags, das heißt hier: 12 bis 14 Stunden am Tag. Die Kinder wurden mit Opiaten ruhig gestellt, die Arbeiter_innenklasse war kaum noch in der Lage, sich selbst zu reproduzieren, die Lebenserwartung lag bei ca. 20 Jahren. Erst als das Kapital wegen des Wechsels von der Leicht- (Textil-) zur Schwer- (Kohle-/Stahl-) Industrie einen weniger ausgehungerten Arbeiter_innentypus mit einer strafferen Arbeitsdisziplin benötigte, wurde mehr in die Reproduktion von Arbeitskraft investiert. [2]  Und wie? Indem man die Frauen aus der Fabrik vertrieb: „Durch vielfältige Fabrikgesetze wurde die Fabrikarbeit der Frauen zunächst verringert und dann allmählich abgeschafft. Dies ging mit einer neuen Lohnpolitik einher, die eine bedeutende Steigerung des Lohnes des männlichen Arbeiters (bis zum Ende des [19.] Jahrhunderts um 40 Prozent) beinhaltete.“ (S. 30)

Durch diesen „gender deal“ wurden einerseits Frauen als Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt ausgeschaltet und den Männern so ein neuer Wettbewerbsvorteil verschafft; Andererseits wurden Frauen an das Haus gebunden, für ihre Arbeit nicht mehr entlohnt und damit in existenzielle Abhängigkeit zu ihren Männern, ihren Ernährern, versetzt. Hieraus resultiert eine spezielle Unterdrückung der Frau, die Engels durch den „historischen Ausschluss der Frauen von der gesellschaftlich notwendigen Arbeit“ (S. 39) erklären will. Federici wehrt sich mit Mariarosa Dalla Costa gegen diesen Ansatz: Reproduktionsarbeit IST gesellschaftlich notwendig, diese Einsicht war ja auch der Grund für den englischen „gender deal“. Da sie aber nur indirekt wertschaffend ist (sie produziert Arbeitskraft/Humankapital, das dann wieder in der Lage ist, Mehrwert zu generieren), und da sie deshalb vom Lohn ausgeschlossen ist [3], steht die hausarbeitende Frau in doppelter Abhängigkeit: von ihrem Mann, als ihrem Ernährer, und von der Lohnarbeit ihres Mannes als materielle Grundlage für seine Fähigkeit, sie zu ernähren.

Diese Analysen sind in der materiellen feministischen Bewegung der 60er verortet und treffen in den westlichen Industriestaaten so nicht mehr 100%ig zu. So sind beispielsweise Reproduktionsarbeiten „als wertschöpfende Dienstleistungen organisiert worden, die Arbeiter_innen käuflich erwerben müssen“ (S. 48). Dies hat aber weder die häusliche und unbezahlte Hausarbeit beendet, noch die geschlechtliche Arbeitsteilung außer Kraft gesetzt. Festzuhalten bleibt also: Entlohnte, vertraglich geregelte Arbeit ist nicht die einzige Form, in der im Kapitalismus Arbeit und Ausbeutung vorkommen. Ganz im Gegenteil ist eine kapitalistisch organisierte Gesellschaft auf die umsonst geleistete Arbeit im Haushalt angewiesen, und damit auch auf einen ganz bestimmten Typus von Familie, Sexualität und Heteronormativität (vgl. S. 41). Mit diesem Deutungsrahmen ließ sich ein ganz neuer Horizont für politische Kämpfe rund um Familie und Haushalt aufmachen. ‚Private‘ Dramen erhalten politische Relevanz, wenn Ehestreitigkeiten Ausdruck von ungleichen Machtverhältnissen sind, Abtreibungsgesetze ein Versuch der Regulierung des Arbeitsmarktes, usw. (S. 41). Kurz: die Erkenntnis, dass „Staat und Kapital unser Leben und unsere Reproduktion unter den Akkumulationsprozess subsumiert haben und dabei sogar bis in unsere Schlafzimmer vorgedrungen sind“ (S. 41).

 

Globalisierung // Re_Kolonisierung

In den 1960er und 1970er Jahren traten vermehrt und vergrößerter Kraft soziale Bewegungen auf. Arbeiter_innenbewegungen, feministische Bewegungen, black power. Die geschlechtliche und internationale Arbeitsteilung wurde, so Federici, in „jedem Winkel der Welt in Frage gestellt und unterlaufen“ (S. 50). Die Folge war eine Akkumulationskrise des Kapitals, die schlussendlich dadurch gelöst wurde, dass „die Kosten der Produktion von Arbeiter_innen durch eine großangelegte Ausweitung des Weltarbeitsmarkts“ gesenkt wurde (S. 53): „Innerhalb des Zeitraums, der von der Mitte der 1970er Jahre zur Mitte der 1990er Jahre reicht, hat sich die Zahl der Menschen auf dem Weltarbeitsmarkt um 2 Milliarden erhöht.“ (S. 54) Wie konnte dies bewerkstelligt werden? Durch einen „unablässigen Prozess der ‚Einhegung‘ […], der Millionen von Menschen ihres Bodens, ihrer Arbeit [4] und ihrer ‚Gewohnheitsrechte‘ beraubt hat“ (S. 54). Im Klartext: Massive Enteignungen von Land, die Menschen in die Armut trieben und damit ausbeutbar machten. Die „Aneignung der Wälder, Ozeane, Gewässer, Fischereigebiete und Korallenriffs sowie der tierischen und pflanzlichen Arten durch die Konzerne“ hat das Überleben zu einer politischen Frage gemacht. Insobesondere auf dem afrikanischen Kontinent hat dieses Vorgehen aufgrund der dort vorhandenen Bodenschätze ein unvorstellbares Ausmaß angenommen (S. 58/59). Ganzen Bevölkerungen wurde also die Lebensgrundlage entzogen.

Die Konzerne eigeneten sich also diese Rohstoffe, und diese Gebiete an und gleichzeitig setzten sie dadurch Arbeitskräfte frei (indem sie die Subsistenzwirtschaft zerstörten). Ein gewaltiger Akkumulationsprozess. Gleichzeitig wurden die meisten arbeitsintensiven Zweige der Industrieproduktion nach Mexiko, auf die Philippinen und nach Südkorea ausgelagert und dort „auf der Grundlage so genannter ‚freier Produktionszonen‘ organisiert“ zu werden. ‚Frei‘ meint hierbei, dass die Arbeitgeber_innen „sich über das Wohlergehen und die Rechte der Arbeiter_innen“ hinwegsetzen können – insbesondere über das Recht, sich zu organisieren“ (S. 56). Dies passt zu der gleichzeitig stattfindenden Umorganisation der Arbeit in den westlichen Industriestaaten: Größere Industriekomplexe wurden aufgelöst und auf verschiedene Standorte aufgeteilt, um die Organisation von Arbeiter_innen zu erschweren. Die Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeit hat denselben Effekt: Die ‚diffuse Fabrik‘ – la fabbrica diffusa – ist kaum noch an_greifbar.

Es lässt sich also festhalten: Die Reaktion des Kapitals auf Arbeiter_innenkämpfe, feministische Kämpfe und antikoloniale Kämpfe war – die Re_Kolonisierung der ehemals schon kolonisierten Gebiete.

Diese Prozesse und die Folgen der Re_Kolonisierung, gemeinhin auch unter dem Begriff „Globalisierung“ bekannt, legt Federici dann an einigen Beispielen offen. Insgesamt spricht sie von einem Regime ‚globaler Apartheid‘ (S. 62) und stellt fest, „dass die Pläne des internationalen Kapitals nunmehr für einige Weltregionen ein dicht am reproduktiven Nullpunkt angesiedeltes Existenzniveau vorsehen“ (S. 64). [5] Dieses paradoxe Zusammen_Spiel von Akkumulation und Vernichtung von Arbeitskraft sieht Federici als „strukturelle[] Komponente[]“ (S. 67) des Kapitalismus. Die Neuerung seit der „Globalisierung“ besteht ’nur‘ darin, dass es dem Kapital nun möglich ist, humanitäre Katastrophen auf Weltregionen zu beschränken, die in den westlichen Staaten ohnehin als ‚unterentwickelt‘ gelten, so dass diese Katastrophen naturalisiert und mit rassistischen Argumentationen ‚erklärt‘ werden können: „Die Katastrophen können dann als Folge kultureller Rückständigkeit oder auch des Festhaltens an fehlgeleiteten Traditionen ausgegeben werden“ (S. 67).

Aber auch im globalen Norden ist deswegen lange nicht alles rosig: Prekarisierung und Flexibiliserung führten z.B. in den USA vermehrt zu „Verarmung, Erwerbslosigkeit, Überarbeitung, Obdachlosigkeit und Verschuldung“ und Staat und Kapital reagieren darauf mit „der wachsenden Kriminalisierung der Arbeiter_innenklasse“ (S. 68), die besonders die Jugend und im Speziellen die Schwarze Jugend trifft (s. aktuell Ferguson u.a.).

 

Geschlechterverhältnisse in der Weltökonomie

Die Umorganisation der Weltwirtschaft und die Re_Kolonisierung des globalen Südens wirken sich natürlich auch auf die Organisation der Reproduktionsarbeit und auf die Geschlechterverhältnisse im globalen Norden aus. Feministische Kämpfe für den Eintritt der Frau ins Berufsleben haben, so stellt Federici fest, nicht die gewünschten Erfolge erzielt. Im Gegenteil: „Global betrachtet hat sich der Anteil der Frauen an den Lohnarbeiter_innen in den letzten vier Jahrzehnten womöglich sogar verkleinert“ und „[s]elbst in Ländern, in denen Frauen verstärkt Zugang zur Lohnarbeit haben, hat dies nicht die von vielen Feminist_innen erhofften Folgen gezeitigt, dafür aber den Männern einen höheren Grad an Autonomie verschafft“ (S. 72). Frauen(lohn)arbeit hingegen wird „zunehmend wieder in den Haushalt verlegt“, was dem Konzept der „fabbrica diffusa“ (s.o.) entspricht. Gleichzeitig stellt Federici einen „Zuwachs männlicher Gewalt gegen Frauen“ (S. 80) fest, den sie einerseits auf die Angst und das Ressentiment zurück führt, „die Frauen als Konkurrentinnen auf dem Arbeitsmarkt auf sich ziehen“, andererseits aber auch mit dem „Fortbestand patriarchaler Verhältnisse“ erklärt: „Männer versuchen, Frauen durch Gewalt zu Dienstleistungen zu nötigen, die sie früher durch ihren Lohn ‚gekauft‘ haben, die dei Frauen aber nun, da die Männer nicht mehr bezahlen können, verweigern“ (S. 80).

Das Problem der Hausarbeit ist derweil nicht gesamtgesellschaftlich gelöst, sondern die Hausarbeit nur (durch Gebärstreik) reduziert, (durch Dienstleistungen) kommerzialisiert und an „verschiedene Subjekte“ – großteils Migrant_innen aus Osteuropa, Afrika (Kontinent!), Lateinamerkia und Asien – umverteilt worden (S. 76). Dies hat „neue (?) Spaltungen zwischen Frauen geschaffen“ (S. 77).

 

Fazit

„Lohnarbeit mag eine Notwendigkeit sein, sie kann aber keine politische Strategie sein. Solange die Reproduktionsarbeit abgewertet und als Privatangelegenheit und Sache der Frauen angesehen wird, werden Frauen Kapital und Staat mit geringerer Macht entgegentreten müssen als Männer, und sie werden gesellschaftlich und wirtschaftlich extrem angreifbar sein. Es ist auch wichtig anzuerkennen, dass den Möglichkeiten, das Ausmaß der Reproduktionsarbeit zu verringern oder sie auf marktwirtschaftlicher Grundlage neu zu organisieren, sehr enge Grenzen gesetzt sind.“ (S. 82)

Zu den Schlüssen, die Federici im Hinblick auf die Möglichkeit politischer Kämpfe zieht, im zweiten Teil (in Arbeit) mehr!


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[1] Federici weist auch darauf hin, dass Marxens Darstellung der kapitalistischen Verhältnisse in den 1960er Jahren eine radikale Kritik aus antikolonialer Perpsektive erfahren hat. Einschlägige Namen sind hierzu Samir Amin und André Gunder Frank. zurück
[2] Dazu wurde die Ausbeutungsrate intensiviert, das heißt: Durch technischen Fortschritt konnte die Arbeitsproduktivität gesteigert werden. So wurde die Verkürzung des Arbeitstages kompensiert. (vgl. S. 30) zurück
[3] Hier entferne ich mich ein wenig von der Argumentation Dalla Costas (die von Federici zitiert wird). Dalla Costa argumentiert laut Federici, dass „die Unterordnung der Frauen unter die Männer im Kapitalismus nicht darauf zurückgehe, dass die Reproduktionsarbeit nicht produktiv sei, sondern darauf, dass diese Arbeit nicht entlohnt werde“ (S. 40). Ich halte dies für einen Ringschluss, denn die Nicht-Entlohnung beruht ja darauf, dass Hausarbeit nicht ‚produktiv‘, im Sinne von direkt mehrwertschaffend ist. zurück
[4] Hier ist nicht klar, welchen Arbeitsbegriff Federici benutzt, ich gehe nicht davon aus, dass Lohnarbeit gemeint ist. zurück
[5] Dieses Vorgehen des Weltkapitals bedingt eine neue Migrationsbewegung, die angesichts der existenzbedrohenden Zustände ebenso eine Notwendigkeit wie auch ein „Mittel, um sich geraubten Wohlstand wiederanzueignen“ ist (S. 65). Die Hälfte dieser neuen Migrant_innen sind Frauen, was darauf hinweist, in welch großer Krise die weltweite Organisation der Reproduktion steckt. Mehr zu diesen Zusammenhängen bei Federici S. 66. zurück

 

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