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Charlotte Perkins Gilman: Herland. Dt. von Sabine Wilhelm. Rowolt: Hamburg 1984. 186 S.

Mehr als ein Roman ist es eine Art Design für eine utopische Gesellschaft. Die Story ist schnell erzählt: Drei abenteuerlustige weiße Männer erkunden die Welt und stoßen auf ein geheimes Frauenland, das sie dann netterweise kennen lernen dürfen, obwohl sie sich zum Teil echt scheiße benehmen.

First things first: Das ganze Buch strotzt nur so vor Rassismus. Wenn ich sage: „erkunden die Welt“ heißt das, sie erkunden den Urwald und erforschen einen bis dahin noch recht unerforschten „Stamm“ von „Wilden“. So weit, so scheiße. Das Frauenland, auf das sie dann stoßen — mitten in besagtem Urwald, wohlgemerkt–, ist dort natürlich der einzige „zivilisierte“ Ort und wird bevölkert von — ratet mal — weißen Frauen. Charlotte Perkins Gilman legte irgendwie großen Wert darauf, zu betonen, dass die Frauengesellschaft aus einem Volk hervorging, dass „indogermanischen Ursprungs war und mit den höchsten Zivilisationsstufen der Alten Welt in Verbindung stand“. Ach ja, von wegen ‚höchste Zivilisationsstufen‘: Es war (damals, vor der Frauengesellschaft) natürlich auch eine Sklavenhaltergesellschaft (weil das zu ner hohen Zivilisationsstufe dazu gehört, oder so [wtf?]). Aber jetzt kommt der Knaller: Durch Kriege und so Umweltkatastrophen wurden also einerseits viele von den männlichen Sklavenhaltern getötet und andererseits der Ausgang aus dem Hochplateau auf dem sie lebten zerstört. Da erhoben sich die Sklaven (scheinbar nur Männer? Man weiß es nicht), befreiten sich und wollten mit den jüngeren weißen Frauen zusammen eine neue Gesellschaft aufbauen (die älteren weißen Frauen hatten sie zusammen mit den Herren getötet). Aber das war dann den weißen Jungfrauen zu viel, „ihre Anzahl war stattlich, dagegen gab es von den Möchtegern-Herren nur wenige. Und so erhoben sich die jungen Frauen, anstatt sich zu unterwerfen, und brachten aus reiner Verzweiflung ihre brutalen Unterdrücker um“. Wow. Wie Perkins Gilman sich das schön herkonstruiert und zwei Befreiungskämpfe gegeneinander ausspielt, hm? Bemerkenswert auch, wie die weißen Männer ‚Herren‘ genannt werden und die Ex-Sklaven “Möchtegern-Herren‘. Dass die übrigens wahrscheinlich auch ‚aus reiner Verzweiflung ihre UnterdrückerInnen umbrachten‘, findet keine Erwähnung. Rassismen auf ungefähr demselben Niveau ziehen sich leider durch das ganze Buch. So weit, so scheiße.

Wie sieht denn diese traumhafte Gesellschaft von weißen Frauen nun eigentlich aus?
Zwei Dinge muss man ihnen zu Gute halten: Ihr Ökonomie beruht auf Gemeinschaftlichkeit und Gemeinsamkeit anstatt auf Privatbesitz; Und ihre Gesellschaft befindet sich in einem fortwährenden Prozess der Selbstkritik und Selbstverbesserung mit dem Ziel, mit den vorhandenen Ressourcen die bestmöglichen Lebensumstände für alle herzustellen. Wie das allerdings genau funktioniert, wird nicht besonders detailliert beschrieben: Es gibt einen Rat, es gibt Kritikerinnen und Erfinderinnen, Erzieherinnen und alle arbeiten aber AUCH in irgendeiner Form an der Nahrungsmittel/Rohstoff-Erzeugung mit, aber WER sitzt denn im Rat, wie kommt eine dort hinein und so weiter und so fort. Zum Großteil wird das Funktionieren der Frauengesellschaft auf die Entwicklung und Erziehung jedes einzelnen Individuums abgestellt – die kontinuierliche Weiterentwicklung von Erziehungsmethoden und deren Erfolge werden hauptursächlich für den Erfolg verantwortlich gemacht – und damit kommen wir auch schon zu einem weiteren Problem, das ich mit dieser Gesellschaftsvorstellung habe: Ihr Kern besteht in einer Vorstellung von allgemeiner Mutterschaft und Familiensinn, die sich einfach vom privaten Familienkern auf die gesamte Gesellschaft ausgeweitet haben. Die Grundvorstellung lautet: Jede Frau will mit Mutter sein (unbedingt!) und hat einen natürlichen Mutterinstinkt, der umgeleitet werden muss, wenn sie kein eigenes Kind bekommt. In der Frauengesellschaft darf jede Frau nur ein Kind bekommen, weil das kleine Land kein Bevölkerungswachstum aushalten würde, ohne dass die Lebensbedingungen sich für alle verschlechtern würden — aber das eine wollen sie auch alle. Manchmal, wenn sich eine besonders hervortut, wird sie ermutigt ein zweites zu bekommen — dann ist dann sowas wie der Adel in Herland (ohne echte Macht, aber angesehen!).

Soviel Sinn es auch macht, ein allgemeines Verantwortungsgefühl von, für und gegenüber allen zum Gesellschaftsprinzip zu erheben, und zwar in klarer, komplett entgegen gesetzter Abgrenzung zum Konkurrenzprinzip — die Vorstellung, Frauen seien ‚von Natur aus‘ more caring — puh, nee.

Welche_r dennoch selbst lesen und sich ein Bild machen will, findet das Buch für günstig Geld bei booklooker.

Ein kurzer Nachtrag zu Schwangerschaft und Sex in Herland.

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