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Bini Adamczak: „Die Postrevolutionäre Depression (PRD): Über Utopie und Untergang“, 11. November 2013.

Als ich letztens mit @endolex einen Kaffee trank, sprachen wir über Utopien (Überraschung!^^) und ich erzählte davon, wie in Herland darüber berichtet wird, dass die Kunst, das Theater, die Literatur in jener utopischen Gesellschaft absolut langweilig sind. Und fragte, worüber eins auch noch schreiben solle, wenn eins erstmal in der perfekten, der utopischen Gesellschaft lebe. Oh nein, sagte @endolex (sinngemäß), spannende Literatur, Theater, Kunst wird es immer geben! Zur Selbstkritik, die jawohl in einer perfekten Gesellschaft auf jeden Fall dazu gehören muss! Und zur Erinnerung an die Grausamkeiten und Schlechtigkeiten der Vergangenheit! Hm. Ich hatte darauf erstmal nichts zu erwidern. Bini Adamczaks Erzählungen zum Thema erweitern die Frage sogar noch: Ist die utopische Gesellschaft/eine utopische Gesellschaft selbst nicht vielleicht unglaublich langweilig? Oder, besser differenziert und anders gefragt, für welchen Typ Mensch ist diese utopische Gesellschaft, wo alles harmonisch ist, alle(TM?) Bedürfnisse befriedigt sind, alle Widersprüche aufgehoben sind, eigentlich gemacht? Können die, die sich das ausdenken, diese beschädigten, ausgebeuteten Subjekte, das überhaupt aushalten, in so einer widerspruchsfreien Gesellschaft zu leben? Was, wenn eins ein Bedürfnis nach Widersprüchen hat, nach Kampf, nach Streit, nach Aufregung und Abenteuer?

Bini zitiert Rosa Luxemburg, die sagt: „Mit faulen, leichtsinnigen, egoistischen und gedankenlosen oder gleichgültigen Menschen kann man keinen Sozialismus verwirklichen. Die sozialistische Gesellschaft braucht Menschen, von denen jeder an seinem Platz voller Glut und Begeisterung für das allgemeine Wohl ist, voller Opferfreudigkeit und Mitgefühl für seine Mitmenschen, voller Mut und Zähigkeit, um sich an das Schwerste zu wagen.“ (Min 45:24)

Und wirklich: Erwähne ich irgendwem* gegenüber auch nur ansatzweise meine Utopie der Gemeinschaftlichkeit, gemeinsamen Organisierung, Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse aller und jede_r — so lautet die Antwort eigentlich immer: Geht nicht, weil Menschen. Menschen sind böse, Menschen denken nur an sich, Menschen sind machthungrig, Menschen sind faul, Menschen nutzen andere Menschen aus. Und ich darauf: Jaaaaaa, weil der Kapitalismus sie dazu zwingt, so zu sein! Und in einer anderen Gesellschaft werden die Menschen nicht mehr so sein! Und bin mitten im Paradox, auf das Bini Adamczak so schön hinweist: dass ich nämlich die Menschen verändern will/muss, damit sie den Bedürfnissen einer Welt, die nach den Bedürfnissen aller und jedes Menschen ausgerichtet ist, entsprechen.

Hmpf.

Muss der ‚richtige‘ Menschentypus erst noch geboren werden, der fähig ist, die Utopie zu leben? Oder muss eine andere Utopie gefunden werden, die für die beschädigten Menschen der heutigen Gesellschaft vorstellbar und lebbar ist?
Binis Lösungsvorschlag geht so: Den Widerspruch von beiden Seiten aus auflösen. Also, quasi, dialektisch. Die Utopie soll sich an die Utopist_innen annähern und die Utopist_innen an die Utopie. Soll heißen: Der Weg hin zur Utopie muss schon Elemente der Utopie selbst enthalten. Wir(TM) müssen also anfangen, die Utopie zu leben, auch wenn sie noch gar nicht da ist.

Ich denk mir so: Naja, wenn die Utopist_innen die Utopie leben würden, wäre diese ja auch kein Un-Ort, keine Utopie mehr. Ich brauche die Utopie doch als Vorstellung von einem Idealzustand, den ich anstreben kann. Als Traum. Und ich für meinen Teil kann mir sehr wohl vorstellen, in so einer konfliktfreien Welt zu leben. Ich finde das nicht ‚langweilig‘, sondern schön. Ich bin wohl eine Utopie-Fetischistin*.

Aber Bini erklärt das alles viel schöner. Also hört euch den Vortrag an 🙂

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