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Das Buch dieses Titels von Mithu M. Sanyal ist glaub ich hinlänglich bekannt. Hölle, meine Gedanken dazu kommen zu einem richtig unvorteilhaften Zeitpunkt: zu spät, um aktuell zu sein, zu früh, um „vergessenes Wissen“ hervorzukramen. Ja, ich bin eine Spätzünderin. Und ich schreibe dann über Dinge, wenn sie in mein Leben treten und mich berühren. Nicht früher, nicht später (ähm, weil wenn ich es später versuche, es einfach nicht gelingt btw).

Vulva ist mir sehr wohl schon einmal kurz nach seinem ihrem Erscheinen begegnet, doch irgendwie ergab es sich nicht, ein Lesedate zu finden. Ich war grade auf m_einem Gender_trans*_queer-Entdeckungs_Initiationsweg und irgendwie schien es für die Beschäftigung  mit der Vulva, mit dem angeblichen „weiblichen“ Geschlechtsorgan nicht der richtige Zeitpunkt zu sein. Seitdem ist viel passiert. Das tut hier aber nichts zur Sache, it’s another story for another time.

Im Untertitel nennt das Buch sich „Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts“. Lustig eigentlich, dass ausgerechnet das „Geschlechts“organ des angeblich „weiblichen“ Körpers unsichtbar sein soll, wo der doch so unausweichlich und beständig kommodifiziert, objektifiziert und sexualisiert wird? Aber es stimmt ja. Die Vulva gibt es nicht, sie ist ein Mangel, ein Fehlen, ein Nicht-, ein Anderes, ein Loch, eine Ritze, eine Scheide. Von dieser Überschreibung der Vulva durch die mindestens europäische* Kulturgeschichte wissen wir eigentlich alle ein bisschen irgendwie, denn wir sprechen nicht über unsere Vulven (wenn wir nicht grade müssen wegen einer Krankheit oder Ähnlichem).

Sanyal schreibt eine Kulturgeschichte davon, wie über Vulven gesprochen und geschrieben, wie sie bildlich dargestellt, untersucht und mit Bedeutung belegt wurde. Schicht um Schicht. Lest selbst, wenn es euch interessiert, allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass der Zusammenhang zwischen Vulva und Weiblichkeit von Sanyal nicht hinterfragt, sondern einfach hingenommen wird. Die Kulturgeschichte der Vulva ist bei Sanyal eine Kulturgeschichte der Frau, und das ist ja insofern auch erstmal nicht falsch, als dass beide kulturgeschichtlich unauflösbar miteinander verbunden sind. Diskurse über die Vulva, die Vagina, den Uterus wurden und werden herangezogen, um das Verhalten ihrer Besitzer_innen als „weiblich“ zu markieren und abzutun (s. Hysterie u.ä.). Trotzdem hätte es hier von Sanyal einen vorsichtigeren, kritischeren Umgang geben können, der die Konstruiertheit dieser Verbindung klarer (oder überhaupt) hervorhebt. Denn genau diese kulturhistorische Verknüpfung macht es ja so schwer, die Geschlechtsbinarität aufzulösen.

Das Tollste an dem Buch ist, wie ich finde, dass es wie eine Sammlung ist von Kulturprodukten aller Art, die sich in irgendeiner Form mit der Vulva beschäftigen. Mehr als dass es mir die Vulva als solche „enthüllt“ hätte, hat es mir ganz viele Herzensmomente geschenkt, ungefähr so: „Oh, ach, wow, das hat jemand gemacht? Coool!“. Und gleichzeitig entsteht eine unglaubliche Entmutigung. Im Epilog stellt Sanyal fest:

Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass sich etwas bewegt und dass inzwischen Dinge gedacht, gemacht und geschrieben werden, die vor zehn Jahren noch unmöglich gewesen wären, weil schlicht die Voraussetzungen dafür fehlten. Und dann stoße ich auf den Lady Love your Cunt-Essay von Germaine Greer und merke, dass auch 1971 schon alles da war. (S. 195)

Und eigentlich, denke ich, war schon lange vorher alles da, denn Sanyal beschreibt doch selbst in den ersten Kapiteln all die uralten Erzählungen von Iambe oder Baubo, die mal als Göttin mal als Dämonin auftreten, einen positiven, offensiven Bezug zu ihrer Vulva haben und (deshalb?) immer wieder vom positiven Bezug in einen dämonisierenden, angstbezogenen Diskurs gerückt werden. Was sie nicht erzählt, ist zum Beispiel die Geschichte der Lilith, der es ähnlich ergeht.

Die Leerstelle bleibt. Es gelingt nicht, die Vulva in den Kanon dauerhaft einzuschreiben. Immer wieder muss die Anstrengung aufgebracht werden, Traditionslinien von emanzipatorischer Auseinandersetzung mit der Vulva auszugraben. Und irgendwie – selbst dann wenn eins das getan hat – ich finde das wenig befreiend. Also, ja, bitte, alles Wissen über die Vulva, ihre Funktionsweise, ihr verschiedenes Aussehen bei verschiedenen Menschen, ihre Fähigkeiten, alles her damit! Aber muss ich als Künstlerin Exhibitionistin sein? Ist das die einzige Möglichkeit, Teil einer feministisch-emazipatorischen Avantgarde zu sein? Muss der Weg zur (Zurück?)Erlangung einer „weiblichen“, einer zumindest nicht männlichen Stimme über den eigenen Körper gehen? Was ist ein „female gaze“? Und wollen wir den haben?!? Und ich merke, ich fange selbst an, mich und andere Künstlerinnen über und als „das Andere“ zu sehen.

Zum Beispiel: Ist eine Performance wie Annie Sprinkles Public Cervix Announcement nicht fast wie eine Art Stockholm Syndrom on stage? À la: Ihr wollt Pussy sehen, hier guckt. Ich lade euch ein. On my terms (aber die sind eigentlich nicht viel anders als eure Terms wären, denn ihr sollt ja auch kommen). Bin ich einfach zu prüde? Und da sind sie, die ekelhaften Kategorien, die ich mir schon selbst auferlege, danke. Ich finde es nicht empowernd, dass Traditionslinien weiblicher Schaffenskraft sich so scheinbar unausweichlich mit dem eigenen Körper beschäftigen. Es ist, als käme eins über diesen Punkt nicht hinaus, denn ab dem vielleicht revolutionären Moment „Künstlerin zeigt ihren Muttermund“ schaltet die öffentliche Aufmerksamkeit wieder ab. Marina Abramovicz musste(?), als die damit fertig war, ihren nackten Körper auszuliefern, auszustellen, zu verstümmeln einen männlichen Partner zu ihren Performances dazu holen. Joan Jonas, bei der es viel mehr um die eigene Beziehung zum Körper und den eigenen Blick auf den eigenen Körper ging (s. Mirror Check), ist längst nicht so bekannt wie die spektakulärere Abramovicz. Der Rest bleibt Subkultur. Oder Subsubkultur. Oder Subsubsub… ihr wisst schon.

Und das alles hat natürlich im Endeffekt am meisten damit zu tun, dass die Kunst-Kultur-Kreativ-Verwertungsmaschine absolut kapitalistisch und patriarchal und rassistisch ist. Und müsste eins nicht eigentlich vielmehr DORT ansetzen? Weil es das richtige Leben im falschen nicht gibt. Und weil eins diesen Apparat von innen – offensichtlich? – nicht sprengen kann.

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